Dynamische Psychiatrie ein historischer Abriss

Dr. med. Rolf Schmidts
In einem programmatischen Artikel, der in der ersten Ausgabe der Zeitschrift "Dynamische Psychiatrie" 1968 veröffentlicht wurde, bestimmt Günter Ammon den 1930 von Karl Menninger geprägten, von dessen Lehrer Franz Alexander verbreiteten und später von Henry Ellenberger zum Leitbegriff einer inzwischen 250-jährigen Psychiatriegeschichte erhobenen Ausdruck "Dynamische Psychiatrie" als ethisch, praktisch und wissenschaftlich zentralen sowie ganzheitlichen Gesichtspunkt einer jeden psychiatrischen Therapeutik.
Ammon forderte 1969, als er die Dynamische Psychiatrie mit Unterstützung Karl Menningers und seiner Mitarbeiter wieder in Deutschland einführte, historisch zurückgreifend und gleichzeitig vorausweisend für eine jede dynamische Psychiatrie, dass "das Unbewusste sowie das gegenwärtige, vergangene und zukünftige soziale Feld des Patienten in seinen psychischen, soziologischen und ebenso sehr somatischen Seiten" sowie auch deren Wechselspiel in der Therapieplanung Berücksichtigung finden und die gesunden Aspekte des Hilfesuchenden, wie v. a. seine Fähigkeiten und Fertigkeiten, in die Arbeit an seiner Gesundung einbezogen werden müssen.
Im Sinne dieser ganzheitlichen, zuerst in der Klinik von Ernst Simmel im Humboldt-Schlösschen Berlin Tegel 1927 realisierten Pragmatik, wurde von uns die dynamisch-psychiatrische "Klinik für stationäre Psychotherapie Dr. Brehmer" (1975-1979) sowie seit 1979 die "Klinik Menterschwaige, Klinik für Stationäre Psychotherapie, Psychiatrie, Psychoanalyse und Psychosomatik" in einer Vielzahl von Differenzierungsschritten gestaltet.
Andere psychotherapeutische Institutionen, die sich der "psychoanalytischen Therapie in der Klinik" widmen, wie Paul L. Janssen seine Beschreibung der stationären Behandlung im Sinne des "Essener Modells" nennt, bauen auf ganz ähnlichen Erfahrungen auf.
Schon Eugen Bleuler, Schöpfer des als Sammelbezeichnung gebräuchlichen Begriffs "Tiefenpsychologie", vertrat in der psychiatriegeschichtlich äußerst wichtigen Züricher Klinik Burghölzli, dem Kreuzpunkt unterschiedlicher wichtiger Ansätze in der modernen medizinischen Psychologie, die Integration psychoanalytischen Denkens in die Psychiatrie.
Ellenberger lässt die dynamische Psychiatrie in "Die Entdeckung des Unbewussten" mit den exorzistischen Praktiken Johann Josef Gessners und der Kontroverse mit dem einem aufgeklärten Geist verpflichteten Franz Anton Mesmer 1775 beginnen.
Die Priorität der Entdeckung der kathartischen Heilung durch die "Aufklärung traumatischer Ursprünge" gebührt Pierre Janet als erstem Gründer eines neuen Systems der dynamischen Psychiatrie. Seine Forschungen stellen nach Ellenberger die Hauptquelle für die theoretische Entwicklung Freuds, Adlers und Jungs dar.
Freud hatte als Voraussetzung für die psychoanalytische Arbeit die Annahme eines Unbewussten und seiner Interaktion mit dem Bewussten gefordert, in der Arbeit mit dem Widerstand die Wirksamkeit eines energetischen Prinzips erkannt und die Erfahrungen mit dem "psychischen Rapport" in den Konzepten der Übertragung und Gegenübertragung gefasst.
In seiner späteren Arbeit "Massenpsychologie und Ich-Analyse" (1921) legte er dar, dass "Individualpsychologie im recht verstandenem Sinne zugleich Sozialpsychologie sei". Gruppendynamisch strukturierte Austauschprozesse und sich auf diese Weise prozesshaft vollziehende Rollendefinitionen- und Differenzierungen, wie sie Raoul Schindler beschrieben hat, die das entscheidend formen, was man Selbstwert in der Selbsterfahrung nennen könnte, begannen damit ins Blickfeld zu rücken. Jakob Moreno hat schon 1910 mit seinem Stegreiftheater in Wien gruppendynamische Gesetzmäßigkeiten herausgearbeitet. Auf ihn geht der Name "Gruppenpsychotherapie" zurück. Im Beakers Hill Hospital (New York) verwirklichte er in der Nachfolge der psychoanalytischen Klinik von Simmel eine erste v.a. gruppendynamisch arbeitende Institution.
In der Menninger Klinik, die zu Freuds 81. Geburtstag in ihrem Bulletin von 1937 als einzigen europäischen Beitrag Simmels Bericht über dessen "Deutsche Psychoanalytische Klinik" veröffentlichte, sah Simmel seine frühe Hoffnung bestätigt, dass aus den Anfängen "später eine systematische klinische Psychotherapie erwachsen wird (und) das kostbare Instrument, das uns Freud in die Hand gegeben hat in den Dienst Schwerkranker" gestellt werden würde.
Über ein Austauschprogramm mit dem amerikanischen Zentrum der Psychosentherapie verbrachte Günter Ammon zehn Jahre an der Menninger Klinik. Durch seinen zweiten Lehranalytiker, den Ägypter Isaak Ramzy, übernahm er einige Grundsätze der "Mittleren Objektschule", die die kontroversen Positionen zwischen Anna Freud und Melanie Klein in ein von Fairbairn erarbeitetes System der Integration von Ich-Psychologie und Identitätstherapie umgesetzt hatte. Dazu kamen die Gruppenforschungen der Tavistock Clinic in London, insbesondere von S.H. Foulkes und Wilfred Bion.
Diese Forschungen regten Menninger an, Ammon und Gerome Frank mit der Einführung der Gruppenpsychotherapie an der Menninger Foundation zu beauftragen. Mit seinen "Theoretical Aspects of Milieutherapy" von 1956 entstand das Gruppenkonzept, das mit seiner Projektgebundenheit, also einer von der Gruppe selbst gewählten Aufgaben- und Zielsetzung, die Ansätze der Arbeits- und Beschäftigungtherapie sowie kreativer Therapieformen vereint. Ihre aus dem Unbewussten gespeisten, kreativierenden, mit Ellenberger "mythopoetischen" Momente machen diese Therapieform zu einem Element, das dazu beiträgt, destruktives Agieren im Rahmen einer "Activity Therapy" nach Wilhelm Menninger oder "Activity for a purpose" (Appelbaum) im Sinne einer "School of Practise Living" nach Karl Menninger in konstruktives Handeln zu übersetzen, um so "schwere Störungen der Selbstregulation und Probleme der Ich-Kontrolle" zu bewältigen.
Die milieutherapeutischen Gruppen bewirken mit dieser Realitätsorientierung im täglichen Miteinander und der Betonung des gemeinsamen Projektes einer "Therapeutic Community" (Tom Main, 1946), das Modell einer besseren Gesellschaft im Sinne der soziotherapeutischen Ansätze von Maxwell Jones (1953) und darüber hinaus eine Modellkultur, die für die Entwicklung eines individuellen Lebensstiles der Patienten entscheidend ist.
All dies eröffnet die Dimensionen, die im Rahmen der stationären Großgruppenpsychotherapie gesellschaftlich relevante Probleme in Veränderungsprozesse integrieren.
Dr. med. Rolf Schmidts
Chefarzt von 1980 bis 2002
